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Strukturformende Kräfte

Eine Abstraktion von spezifischen kulturellen, topographischen und klimatischen Einflussgrößen lässt allgemeine Größen, die hinter der Formgebung von Stadtstrukturen stehen, erkennen:.

  • Die erste und wichtigste strukturformende Kraft, die unabhängig vom Einzelfall nahezu überall wirkt, ist die Minimierung des Wegeaufwandes. Darunter ist sowohl der physische und psychische als auch der zeitliche Aufwand zur Raumüberwindung zu verstehen. Aus solchen kollektiven Bedürfnissen heraus entstehen abkürzende Diagonalen. Der kürzeste Weg ist jedoch nicht immer der schnellste; deshalb können längere Wege als Umgehungen von Hindernissen zeitlich kürzer oder bequemer sein. Bei bewegter Topographie sind längere Wege mit angenehmen Steigungen kräftesparend. Zeit- und Krafteinsparung schonen Ressourcen, die für andere Lebensinhalte als die Raumüberwindung einsetzbar sind. Direkte Folge davon sind die Konzentration von Nutzungen an Orten und Linien mit hoher Erreichbarkeit aus der Stadt und dem Umland oder die zunehmende Verdichtung der Bebauung in zentralen Bereichen einer Stadt. Hohe Bodenwerte zentraler Stadtlagen haben mit der Erreichbarkeit und diese wiederum mit Minimierung von Kraft- und Wegeaufwand zu tun. Gleiches gilt für die Bildung von Nutzungsagglomerationen um Standorte mit günstiger Erreichbarkeit, wie z.B. Handelszentren an Autobahnknoten an der Peripherie. Diese strukturformende Kraft wirkt unabhängig von den Mitteln der räumlichen Fortbewegung, erzeugt aber andere, den jeweiligen Mitteln entsprechende räumliche Muster. Da die Mittel der Fortbewegung sich überlagern und mischen, hängt es von der Dominanz und vom Beharrungsvermögen der vorhandenen Strukturen ab, an welchem Verkehrsmittel sich diese letztlich orientieren. Zwangsläufig ergeben sich Kompromisse, die den verschiedenen Mitteln gerecht werden. Es kann aber auch zur Rückbesinnung auf frühere Organisationsmuster kommen, wenn z. B. Stadtkerne wieder stärker auf den Fußgänger bezogen umgestaltet werden.
  • Eine zweite strukturformende Kraft sind die Anforderungen wichtiger Produktionskräfte an den Raum. Da die Stadt als künstliches Gebilde von der arbeitsteiligen Produktion und Verteilung lebt, hatten und haben deren Funktionsbedingungen immer einen Einfluss auf das Standortgefüge und auf die Form der Stadt.
  • Als dritte Kraft kann das Bedürfnis nach Abwechslung und Unterscheidung genannt werden. Hierzu gehören auch Fragen der Orientierung, des symbolischen Ausdrucks gesellschaftlicher Differenzierung. Daraus entstehen Variationen von Freiräumen, Straßen, Bauten und morphologischen Strukturen.
  • Als vierte Kraft gilt das Bedürfnis nach Ordnung. Ordnung hat eine wichtige Funktion in der individuellen und kollektiven Organisation der äußeren Lebensbedingungen. Sie entlastet den Wahrnehmungsapparat, erleichtert Suchvorgänge, gibt divergierenden Raumansprüchen einen Rahmen. Da das Aufrechterhalten von Ordnungen ebenfalls Zeit und Kraft kostet, hat die Ordnung der Struktur nicht immer die gleiche Bedeutung. Bei der Untersuchung von Stadtgrundrissen über lange Zeiträume fällt auf, dass auf Phasen starker Eingriffe und Lenkung häufig Perioden mit geringeren Regelungen folgen.
  • Als fünfte Kraft wirkt die Sozialgebundenheit des Menschen auf die Struktur. Dies führt zu bestimmten räumlichen Organisationsmustern wie Stadtteilen und Quartieren. Daraus entsteht aber auch die Bedeutung der Stadtgeschichte für die Bewertung der Struktur: Menschen können nicht nur in der Gegenwart leben. Vergangenheit und Zukunft sind Lebensdimensionen, die das Individuum und die existierende Gesellschaft in eine Periode der Menschheitsgeschichte einbinden, deren örtliche Ausprägung erst Chancen der Identifikation und Bindung eröffnet.
  • Die sechste Kraft ist die Trägheit der physischen Struktur und der räumlichen Form ihrer Organisation. Besonders auffällig ist bei einem Langzeitvergleich von Stadtstrukturen, dass sich die in den Frühphasen der Entwicklung festgelegten Prinzipien der Erschließung kaum noch verändern. Vorhandene Strukturen setzen der Veränderung physikalischen und rechtlich-ökonomischen Widerstand entgegen. Die Stadtplanung und Stadtpolitik muss daher erhebliche politische, finanzielle, personelle und zeitliche Kraft aufwenden, wenn sie Strukturen gegen deren innere Logik von außen verändern möchte. Dies gelingt zumeist nur in einigen Teilbereichen.
  • Es können darüber hinaus noch andere Kräfte, wie z.B. ökonomische Aspekte, Konkurrenz zu anderen Städten, Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, nach Bindung, technische Funktionserfordernisse, lokales und nationales Planungs- und Bodenrecht genannt werden.

Weil die physische Struktur langlebig und träge ist, bildet sie in Ländern mit einer langen Stadtkultur einen stabilen Rahmen für das Leben der Menschen in den Städten. Die lebende Generation muss sich daher weitgehend mit dem arrangieren, was ihr die vorhergehenden Generationen hinterlassen haben. Die Anpassung an neue Bedürfnisse ist bei größeren Städten nur in kleinen Schritten und nur begrenzt möglich. Die bauliche Vergangenheit ist so integrierter Bestandteil der Gegenwart. Sie ist auch ein Maßstab für die Kontrolle des Neuen.

Mit der Zeit bildet sich offensichtlich ein labiles und sensibles Gleichgewicht zwischen Strukturen und Inhalten, aber auch zwischen Funktion und Gestalt heraus.Herausragend und langfristig wirksam ist die kulturelle Bedeutung der historischen Kerne und die außerordentliche Empfindlichkeit dieser Bereiche gegen größere Eingriffe. Planerisch ist es daher wesentlich, neben Bereichen der Veränderung Pole der Stabilität zu sichern, weil sie mit der Wiedererkennbarkeit, mit dem Bild der Stadt und mit ihrer Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft und daher mit den Identifikationsmöglichkeiten ihrer Bewohner zu tun haben. Schließlich ist im "Zeitraffer" zu erkennen, dass sich innerhalb des scheinbar festgefügten Rahmens aus Netzen und Baustrukturen ein permanenter kleinteiliger Wandel vollzieht, die stabil wirkende Struktur sich mithin in einer permanenten Bewegung der Mikroanpassung an neue Anforderungen befindet und damit eine Erneuerung von Systemelementen erzeugt, ohne die das Gesamtgefüge nicht überlebensfähig wäre.

In der Geschichte der Struktur steckt die Logik von meist Jahrhunderte langer Erfahrung vor Ort, deren leichtfertige Aufgabe erhebliche negative Folgen für das Gesamtsystem zeitigen kann.In bestimmten Abständen wird die Struktur jedoch um größere Ergänzungen und Innovationen ergänzt. Teils liegt dies auch an einem Bedürfnis der Generationen, zumindest an einigen Punkten der Stadt dem Zeitgeist und ihren eigenen urbanen Konzepten baulich-räumlichen Ausdruck zu verleihen. Zusammen mit dem Beharrungsvermögen der Stadtstruktur, die einen beruhigenden und disziplinierenden Einfluss ausübt, können in der Kontinuität der grundlegenden Ordnungsstruktur die notwendigen Experimente und Proben jeder Generation Raum und Form finden, solange die in den Strukturen eingebaute Logik beachtet wird.




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